The Lighthouse

  • Tom Wake, ein ehemaliger Seemann mit einer rätselhaften Beinverletzung, und sein neuer Gehilfe Ephraim Winslow, der seinen Job als Holzfäller in Kanada aufgegeben hat, treten Ende des 19. Jahrhunderts gemeinsam eine vierwöchige Schicht als Leuchtturmwärter auf einer kleinen felsigen Insel an der Spitze Nova Scotias an. Während Tom sich selbst für das Licht verantwortlich erklärt und darauf besteht, dass nur er die Nächte oben im Turm verbringt, obwohl das Handbuch eigentlich vorschreibt, dass sich die beiden bei den Schichten abwechseln sollen, teilt er Ephraim die niederen Arbeiten zu. Dieser wartet die Anlage, sammelt Brennholz, leert die Nachttöpfe, wäscht, flickt und reinigt. Ephraim ärgert sich, dass er nicht nach oben darf und ist auch misstrauisch und verängstigt darüber, dass Toms ehemaliger Assistent gestorben ist, nachdem er vom Wahnsinn gepackt wurde. Es dauert nicht lange, bis der zurückhaltende Ephraim einen tiefen Groll gegen den kleinen Tyrannen entwickelt.


    In den Hauptrollen Willem Dafoe und Robert Pattinson und sonst scheinbar niemand, schwarz/weiß, Seitenverhältnis 1,19:1... was will man mehr?


    Der Film lief in Cannes und soll dieses Jahr in die Lichtspielhäuser kommen, einen Trailer gibt es wohl noch nicht.

  • Der Trailer gefällt mir auf jeden Fall....


    Ich lese gerade: Die weißen Gestalten von Arthur Machen


    “A reader lives a thousand lives before he dies.” said Jojen. “The man who never reads lives only one.” - A Song of Ice and Fire (George R. R. Martin)


  • Ich habe mir den Film am Wochenende angesehen (OmU) und bin trotz einiger kleiner Schwächen insgesamt sehr angetan von Eggers' neuem Werk.


    Wichtigster Hinweis vorab: Keine genuine Phantastik und erst recht keine Lovecraft-Verfilmung erwarten. Solche Aussichten wurden vorab seitens des internationalen Feuilletons gnadenlos geschürt - wer mit solcher Brille sein Billet erwirbt, kann nur enttäuscht werden. Stattdessen liegt hier ein emotional anspruchsvolles und ästhetisch spannendes Existenzialdrama in Kammerspielmanier vor.


    Die kühle Schwarz-Weiß-Darstellung gibt den Grundton vor, immer wieder sorgen expressionistische und symbolistische Perspektiven für zusätzliche Stimmung. Die Dialoge bestehen hauptsächlich aus originalen Leuchtturmchroniken und Werken Herman Melvilles, wie der Abspann verrät. Phantastische Inhalte gibt es in Form von diversen Anspielungen auf maritime Mythologie, teilweise sehr grässlich, sodass viele Momente durchaus brutal-schaurig geraten. Indes kann von übernatürlichem Grauen keine Rede sein.


    Schwächeln tut The Lighthouse dann und wann hinsichtlich der Dramaturgie. Manches mal scheinen die Abläufe zu kompakt geraten, später hätten ein bis zwei Kürzungen wohl getan. Entschädigt wird man aber reichlich durch die hervorragenden Dialoge, mehrere unfassbar intensive Szenen, in denen Dafoe und Pattinson im Duo zur Hochform kommen, sowie die komplexe Hintergrundgeschichte der Charaktere, die sich beinahe gänzlich in Andeutungen, Erzählfragmenten und psychischen Vorstellungsräumen abspielt. Falsche Fährten und düstere Ahnungen inklusive.

  • Ich kann mich Nils nur anschließen. Wobei ich wesentlich euphorischer bin. Der Film ist sagenhaft bildgewaltig. Die körnigen Bilder, die zum Teil extrem an den expressionistischen Film der 20-er Jahre erinnern (in der Tat sind einige Einstellungen "Homagen" an Einstellungen aus "Das Cabinett des Doctor Caligari" oder "Nosferatu"), sind einfach nur stark. Die Atmosphäre kann man mit dem Brotmesser schneiden und die schauspielerische Qualität kann nicht diskutiert werden. Ich habe den Film gestern im O-Ton gesehn und kann jedem nur raten für diesen Film das Lichtspielhaus aufzusuchen, da dieser Film auch vom Umfeld "Kino" lebt.

  • Wenn hier noch Raum für eine Stimme ist, die etwas zurück rudert:


    Der extreme Männerkult, der von den beiden Protagonisten gepflegt wird, hat mich abgeturnt. Es geht viel um Ausscheidungen und Körperflüssigkeiten und das ewig männliche Thema der Gewalt: Gewalt gegen andere und schließlich gegen sich selbst (oder anders herum). Diese Dinge werden wie eine Art Ritus inszeniert. Wie ich woanders schrieb: kein Wohlfühlkino, — gegen welchen Ansatz ja nichts einzuwenden ist. Die Ekelgrenzen werden zwar nicht endlos gedehnt, aber hier haben wir, meine ich, doch einen Hemmschuh hinsichtlich so begeistert klingender Beschreibungen wie "bildgewaltig", "stark" oder "intensiv".


    Kein Spoiler: Dass die Chose nicht gut enden wird, versteht sich von selbst. Auch hier hätte es mich gefreut – freudig überrascht! – wenn der Film an irgend einer Stelle noch eine Wendung hinbekommen hätte. So schaut man den beiden Typen zu, wie sie sich von Anfang an zerstören. War ja klar.


    Teilweise ist der Streifen auch nur albern. Was mir wiederum zusagt – weil es bietet einem die Möglichkeit des Schlupflochs aus einer allzu desolaten Betrachtungsweise.

  • Der extreme Männerkult, der von den beiden Protagonisten gepflegt wird, hat mich abgeturnt.

    Aber war "toxic masculinity" nicht gerade eines der Themen des Films?

    Oder um mal Regisseur Robert Eggers zu zitieren: "Nothing good happens when two men are left alone in a giant phallus".

    Wichtigster Hinweis vorab: Keine genuine Phantastik und erst recht keine Lovecraft-Verfilmung erwarten. Solche Aussichten wurden vorab seitens des internationalen Feuilletons gnadenlos geschürt - wer mit solcher Brille sein Billet erwirbt, kann nur enttäuscht werden.

    Der Lovecraft-Vergleich hinkt wirklich gewaltig und kann eigentlich nur von jemanden kommen, der sich noch nie mit Lovecraft auseinandergesetzt hat und nur weiß dass das "dieser Horrorautor [ist], der irgendwas mit Tentakeln macht".


    +++


    Mir hat "The Lighthouse" jedenfalls gut gefallen. Auch wenn ich mir am Ende etwas mehr Weirdness und Wahnsinn gewünscht hätte.

  • Oder um mal Regisseur Robert Eggers zu zitieren: "Nothing good happens when two men are left alone in a giant phallus".

    Absolut. Ich glaube auch, der Bursche hat es faustdick hinter den Ohren. Daher bin ich sehr dagegen, den Film in so pathosgeschwängerten Beschreibungen zu loben. Man kann ihn loben, meinetwegen (ich tue tue es bedingt). Aber die Frage ist: wofür? Ich wiederhole mich: stellenweise einfach ein recht alberner Streifen.

  • Ich muss gestehen, dass ich der Debatte nicht ganz folgen kann. Wo genau soll in diesem Film "Männlichkeitskult" abgebildet werden?


    Ich sehe da zwei Männer aus einer nur marginal gebildeten Gesellschaftsschicht, zwei Lohnarbeiter, die eben in ihren Ausdrucksweisen und Sitten weniger feinfühlig ausgebildet sind. Was hat das mit dem Abkulten von Männlichkeit zu tun? Auch die im Film genutzten sexuellen Komponenten sehe ich in einem solchen Feld eher nicht, dann würde man ja jegliche Form von irgendwie geartetem sexuellen Begehren sofort als "toxisch" markieren. Ebenso sehe ich nicht, wo mit Pathos gearbeitet wird, wenn man die emotionale Komplexität des Films lobt.


    Ich würde mich über konkrete Beispiele zur Illustrierung der geäußerten Kritik freuen.

  • Dir ist vielleicht die Sicht auf den Männlichkeitskult verstellt, aber dass der Film ein spezifisches Männerverhältnis abbildet: bestreitest du das auch? Die Art der Verhandlung von Machtansprüchen (verbal und körperlich), das zerstörerische Trinkverhalten, die sagenhafte Vorstellung von Frauen – schwankend zwischen Verlangen und Furcht (s. den Traum der angespülten Meerjungfrau) – sowie ihre aufs Körperliche beschränkte Darstellung als Vorlage zur Onanie, schließlich: die Vernichtung derselben (alles von dir harmlos als „sexuelles Begehren“ bezeichnet): Dies lese ich ja nicht irgendwo zwischen den Zeilen: sondern es wird visualisiert, ist im Bild dargestellt.


    Wenn das kein Männerkult ist, – dann bin ich selbst kein Mann oder habe mich noch nie in Männerzirkeln bewegt, in denen diese Dinge in verschiedenen Stufen der Ausprägung kultiviert werden. Und wahrhaftig, das ist keine Frage von Gesellschaftsschichten oder Lohnsektoren.


    Eine Beobachtung wie:


    Zitat

    Ich sehe da zwei Männer aus einer nur marginal gebildeten Gesellschaftsschicht, zwei Lohnarbeiter, die eben in ihren Ausdrucksweisen und Sitten weniger feinfühlig ausgebildet sind.


    ist amüsant zu lesen und schon fast ein schelmische Meisterstück der Observation. Das hört sich ja gerade so an, als sei das Treiben der beiden die normalste Sache der Welt. Ein Job wie jeder andere …


    Zitat

    Auch die im Film genutzten sexuellen Komponenten sehe ich in einem solchen Feld eher nicht.


    Das mag ja sein. Nur ist es müßig, selbst wenn du bei all den Szenen, die ich oben genannt habe, im Kino weggeschaut haben solltest, über diesen Punkt zu diskutieren, da ihn der Regisseur selbst betont hat. Ich mich also nicht interpretatorisch aus dem Fenster lehne, sondern lediglich seiner Sicht folge: „Yeah, this is the phallic answer to The Witch“.


    Quelle: https://www.denofgeek.com/us/m…-eggers-phallic-the-witch