Robert Aickman

  • Auch, wenn sich hier schon ziemlich viele Leute ausführlich zu den Geschichten zu Wort gemeldet haben, will ich das auch ausführlicher tun, denn die Geschichten bedürfen GERADE durch den Hauch von Abseitigen einer ausführlicheren Betrachtung. Und interessant ist, so ging es mir auch, dass man bei Aickman vermehrt einen biographischen Interpretationsansatz wählt. Allein das finde ich bemerkenswert. My five pence ...


    Das Hospiz


    Ich sehe es auch als "Menschenfalle", allein der Titel benennt ja einen Ort, der auf den nahen Tod vorbereitet und der aufgesucht wird, wenn man stirbt. Ich gehe davon aus, dass es Gründe gibt, warum Maybury Zufällig (?) dorthin gelangt. Der plausibelste wird sein, dass er durch seinen Lebenswandel im Sterben begriffen ist, ohne es zu merken. Das Personal des Hospiz sowie aich die Insassen verführen ihn zum Bleiben und wollen ihn zu einem der ihren machen, lediglich Cécile sitzt nicht mit am Tisch der anderen, sie hat einen Sonderstatus. Ist es ihre sexuelle Offensive, die sie darauf an den Tag legt und das Personal des Hospizes vergrault? Jedenfalls ist alles immer einen Tick drüber. Das Essen, das zur Völlerei zwingt, die Fußkette, die devote Höflichkeit, die Temperatur, alles neigt zur Übertreibung. Die Dunkelheit zur Nacht in dem Zimmer ohne Fenster macht Maybury blind, aber auch den Lesenden, der nur Schreie hört und der kein Bild geliefert bekommt. Lust, Qual, Tod? Alles ist möglich und am Ende gibt es einen Toten, doch es bleibt ungewiss und in der Fantasie zurück, wie diese Person ums Leben kam. Cromie und Bannard bieten auch wieder viel Fläche für Interpretationen, auch wenn sie nur Spiegelflächen für Maybury sein könnten, dessen Sterben sich in den Dialogen wiederfindet:


    "Sie lieben also ihren Sohn?"

    "Wie man seinen Sohn liebt, ja, natürlich."


    Maybury Leben scheint wie vorgeplant, wie aus einem Katalog bestellt. Lediglich die weibliche Besetzung nin dem Hospiz provoziert, ist durch ihre Distanzlosigkeit beinahe etwas verrucht und verführt ihn gewissermaßen.


    Sehr gelungen finde ich, dass er das Hospiz am Ende mit einem Bestattungswagen verlässt lebendig verlässt. Das hat etwas von den strukturalistischen Gegensatzpaaren in Mythen nach Lévi-Strauss.

  • Derselbe Hund


    Eine Lost Place und Coming of Age Geschichte, die in aller Kürze Dank Aickmans Können an Dichte und Atmossphäre überzeugt. Und auch hier sind die eh schon randständigen Figuren (Kinder) Hilary und Mary randständig, verbünden sich, erkunden das Haus mit besagtem Hund. Was Mary letztlich in den Tod geführt hatte, bleibt ungewiss, bleibt unaussprechlich, ganz so, wie Erwachsene Grauenhaftes von Kindern fern halten wollen und ganz so, wie es in ihre Vorstellungen passt. Jahre später bricht es bei einem erneuten Besuch auf, wieder ist dort derselbe Hund und Hilary muss sich eingestehen, dass er alös Kind die richtigen Vermutungen hatte. Schön und auch ein Stilmittel, ist, das Ende an jener Stelle abzubrechen, wo es eigentlich interessant wird. Es bleibt irgendwie offen und unheilvoll.


    Ravissante


    Eine Art Succubus und Obsessions-Geschichte und wieder nutzt Aickman Kontraste. Die sichtbar der Vergänglichkeit anheimgefallene Madam A. ist m.E. so gewählt, dass sie die Erotik der Geschichte wieder diemetral erfasst. Ich möchte hier niemanden hohen Alters diskriminieren, aber auf mich wirkt Madame A. äußerlich eher abstoßend. Ihre Koketterie löst Unbeghagen in mir aus und dieses Unbehagren verstärkt sich, desto mehr der Maler der Obsession verfällt und in ihrem Beisein seine Nase in anderer Leute Wäsche steckt. Umso verstörender wirkt dieser distanzierte Duktus in dem Aickman erzählt. Es hat etwas Beängstigendes, ähnlich, wie die Figuren menschlicher und äußerst charismatischer Serienmörder auf mich wirken.

  • Wie Raymond Russell heute via Aickman-Gruppe auf Facebook mitteilte, ist seine Aickman-Biographie, an der er seit etwa zwei Jahren schrieb, nun fast fertig. Man darf sehr gespannt sein, hat er dafür doch den Segen der Nachlassverwalter Aickmans erhalten und mehrere Zeitzeugen interviewt.


    Der Publikationsrahmen ist offenbar noch unklar. Da er schrieb, dass er aktuell nach "dem bestmöglichen Weg" suche, soll das Buch offenbar nicht in seiner Tartarus Press kommen. Ich freue mich in jedem Fall sehr darauf!

  • Es existieren bereits diverse Möglichkeiten, mehr über Aickman zu erfahren. Aickmans Autobiographie und sein Bericht über die Inland Waterways, eine kurze Dokumentation und Aussagen vieler Leute, die ihn kannten (Elizabeth Jane Howard, seine spätere Verlegerin und andere) oder mal trafen (Ramsey Campbell, T.E.D. Klein). Bestimmt liegt noch mehr vor.


    Freilich alles verstreut und auf Englisch, einen biographischen Text auf Deutsch habe ich bisher nicht gesehen. Und natürlich ist eine sauber erarbeitete Biographie, die Aussagen nebeneinander stellen und eine kritische Distanz zur Person einnehmen kann, nochmal etwas völlig anderes. Sofern Russell das leistet, aber ich gehe mal davon aus. Es gibt einige blinde Flecken in Aickmans Leben, er war wohl kein einfacher Mensch und auch bedacht, in einem bestimmten Lichte zu erscheinen. Da hat Russell angekündigt, das eine oder andere "Geheimnis" zu lüften. Ich bin wirklich gespannt.


    Es gibt schon Stimmen, die einen Druck in der Tartarus Press fordern (für manche ist der Verlag offenbar sowas wie Arkham House - da muss dann auch wirklich alles erscheinen, hermetische Abriegelung gegen Publikumsverlage). Ich fände es aber auch mehr als gerechtfertigt, wenn Russell ein großes Verlagshaus für sein Buch fände. Aickman ist als Autor und literarische Person nicht unwichtig, da sollte mehr Aufmerksamkeit her.

  • … einen biographischen Text auf Deutsch habe ich bisher nicht gesehe

    Hmm, auf's Erste fällt mir da auch nur ein Text im Buch von S. T. Joshi, Moderne Horrorautoren, Band 2, Festa, Almersbach (2001), ISBN 3935822022, Seite 146-170, ein. Der ist aber auch nicht rein biographisch, sondern eigentlich eine Werkbesprechung mit spärlich eingestreuten Daten.

  • Hmm, auf's Erste fällt mir da auch nur ein Text im Buch von S. T. Joshi, Moderne Horrorautoren, Band 2, Festa,

    Stimmt, ich formuliere präziser: Ein Text deutschsprachiger Provenienz. Aber auch Übersetzungen englischer Texte kenne ich - ab von Festa - nicht. In den beiden Dumont-Bänden ist nichts dergleichen enthalten, meine ich.