Juan Rulfo — Pedro Paramo

  • Als die Mutter Juan Precadios im Sterben liegt, hat sie eine letzte Bitte an ihren Sohn: er soll sich in ihr altes Heimatdorf Comala begeben und dort seinen Vater, den titelgebenden Pedro Paramo, fordern, den Unterhalt zu zahlen, den er ihnen all die Jahre verweigert hat. Dem folgt Precadio, wenn auch eher gegen seine Neigung. Sein Unwille bleibt nicht ganz unbestätigt: der Mann, der ihm die Richtung weist, verrät ihm, dass Pedro Paramo schon lange tot ist; als er in Comala ankommt, findet er eine Geisterstadt vor, in der nur noch eine alte Freundin seiner Mutter zu leben scheint, die ihm Aufnahme gewährt, da sie seine Ankunft seltsamerweise erwartet zu haben.

    Es wird schnell klar: in Comala gehen die Toten um, bzw. sie sprechen aus ihren trostlosen Gräbern heraus und erzählen in nichtlinearer, fragmentarischer Weise aus unterschiedlichen Perspektiven die Geschichte Pedro Paramos, die auch die des Niedergangs Comalas und seiner Bewohner ist. Die Firnis, die die Lebenden von den Toten trennt wird immer dünner, bis ihre Existenz überhaupt anzweifelbar ist.


    Dieser Klassiker der lateinamerikanischen Literatur ist jedem Liebhaber anspruchsvoller Phantastik nur wärmstens zu empfehlen, denn im Grunde handelt es sich hier, wie in meiner Beschreibung hoffentlich anklingt, um einen modernistischen Schauerroman. Der realitätsverzerrende Effekt wird dabei nicht durch offensichtlich übernatürliche Elemente erzeugt, sondern durch die musikalische, unkonventionelle Struktur des Romans; Rulfo lässt virtuos die Zeitebenen ineinander verschwimmen, sodass in der Gegenwart immer die Vergangenheite nachklingt und vice versa.


    Ich habe den Roman schon vor ein paar Monaten gelesen und kann nicht sagen, dass ich alle seine Rätsel ergründet habe; dies ist eines der Werke, die man mehrmals lesen muss, um sie vollkommen wertschätzen zu können.